feste feste
                                   Festlichkeit

von Josi J. Meier, Severin Perrig und Peter Stobbe

 


 

 

Festfreude allüberall. Ein Blick in Werbeprospekte, ein Durchforsten der Brauchtumsliteratur oder ein ganz gewöhnliches Gespräch mit Einheimischen über Freizeit: stets scheint das Thema Fest in der einen oder andern Form durch. Mögen sich dabei die Sichtweisen von Veranstaltenden, Konsumierenden, Anrainern, Zaungästen und Berichterstattenden nicht immer decken, eine bemerkenswerte Neugier, Toleranz, wenn nicht gar Freude scheint unzweifelhaft zu überwiegen. Die Rede ist denn nur allzu häufig von charakteristischer "Unbeschwertheit", "freundlich-spöttischer Haltung", "orginellem Wesen" oder "Gemütlichkeit" der Luzerner Stadt- wie Land-Bevölkerung.

Erklärungen werden gleich zuhauf mitgeliefert: Feste wie die Fasnacht lägen geradezu im Blute oder seien Abkömmlinge alter, vorkeltischer Brauchtümer. Die Geschichte, von der mittelalterlichen Zunftgeselligkeit bis zum vergnügungssüchtigen Barockzeitalter, bietet darüber hinaus ein weites Feld von ableitbaren Festerfahrungen. Dazu gesellen sich noch Herleitungen aus dem katholischen Spannungsfeld von Sinnenlust und Askese oder gar aus der topographischen Lage, speziell der Stadt Luzern. Letzteres ist wohl nur zu verstehen im Sinne einer Kantonshauptstadt, die seit Ende des 19. Jahrhunderts stark auf die ökonomische Kraft des Tourismus setzt und entsprechend auch das Fest wie Festival in seine Selbstvermarktung mit einbezieht.

Bemerkenswerter Weise fällt in diesem Zusammenhang immer wieder der Name des Luzerner Staatsarchivars Theodor v. Liebenau, der gegen Ende des 19. Jahrhundert das Idealbild einer mittelalterlichen, gemütlichen Luzerner Stadtgesellschaft entwarf, die nur so lange arbeitete, als zum Lebensunterhalt absolut erforderlich war. Denn "Feste, frohe Feste, wollte der Luzerner zu allen Zeiten des Jahres." Doch was er dabei für das traditionelle Selbstverständnis der Luzerner Gesellschaft mental prägend entwarf, entsprang eher einem Pessimismus angesichts einer sich rasant verändernden Stadt- wie Landkultur. "Das alte Luzern geht unter. Noch einige Jahrzehnte - und die frohen Feste, welche Luzern einen Namen verschafften, sind gleich den wenigen Baudenkmalen aus den Tagen des Mittelalters gänzlich verschwunden."

Liebenau hat wohl recht behalten, was das Aussterben, die Veränderung oder die Kommerzialisierung einiger traditioneller Feste betrifft. Viele Feste sind heute kommerzieller und deswegen grösser, aufwendiger, organisierter, überregionaler und bewegter. Doch die Rekonstruktion einer festfreudigeren Vergangenheit hat als kulturelles Verfahren bewusst oder unbewusst bis heute Einflüsse auf das Luzerner Selbstverständnis wie die zahlreichen Fest- und Festival-Initiativen der Gegenwart im ganzen Kanton. Feste, die speziell im Spannungsfeld von Individuum und Gruppe, Privatheit und Öffentlichkeit, als integrativer Faktor in einer mobilen, multikulturellen Gesellschaftsstruktur zunehmend bedeutsamer werden.

Der Luzerner Jurist Kuno Müller hat es denn schon vor langem angeregt: "Es wäre ein eigenes Kapitel, über die Form der Luzerner Geselligkeit zu schreiben." Doch wie soll heute eine solche Darstellung des Geselligen überhaupt aussehen ? Eine rein geschichtliche, volkskundliche Herleitung wird kaum mehr der Gegenwart mit ihrer ganzen Party- und Festival-Kultur gerecht. Eine teilnehmende Festbeobachtung gerät nur allzu leicht ins subjektiv Beliebige. Und das Gespräch mit Beteiligten fördert mehr Fragen als Antworten zu Tage. Also eine Gratwanderung.

Das vorliegende Themenheft begeht diesen Grat auf eigene Weise. Ausgangspunkt bilden vier Fest-Typen: die "Fastnacht" als eine Art alles verschlingendes, chaotisches Körperfest, die "Prozession" als lineare, feierliche Festbewegung, die "Chilbi" als kreiselndes Vergnügungsfest und das "Zitierende Fest", das sich aus den drei vorigen Typen völlig neue Festkompositionen zusammenstellt, von der Party, über die Feier bis zum Festival. Diese Fest-Typen werden wiederum mit bereits bestehendem Photomaterial aus Luzerner Printmedien bebildert.

Dabei steht nicht das schöne, "typische" Festbild im Vordergrund, sondern das Unspektakuläre, der geradezu zufällig anmutenden Schnappschuss, der den Betrachtenden kurz noch einmal vergangene, sinnliche Festlichkeit in Erinnerung ruft. Bilder, die inhaltlich zwischen bewusst gewähltem Symbolgehalt, traditioneller Veranschaulichung und Dokumentation der Einmaligkeit hin und her pendeln. Gerade diese Unbestimmtheit wie Unbeschwertheit lässt digitale Bearbeitungen zu, welche, wie die collagierenden Textelemente zum weiten Themenfeld des Festes als Unterbruch der Alltäglichkeit, immer wieder eine subjektive Kommentierung und Kontrastierung von Gegenwärtigem und Vergangenem erlauben. Derart werden verschiedene Aussensichten miteinander in Beziehung und Spannung gesetzt, um die lebendigen Facetten gegenwärtiger Luzerner Festkultur zwischen Spezialität und Allgemeinplatz, provokativ wie selbstbewusst dokumentierend zu behaupten.